Die Wallfahrt von La Ghriba – Religion zum Anfassen

Ende Mai folge ich der Einladung auf eine Pressereise nach Tunesien, die gleich mit mehreren Überraschungen aufwartet:

  • Ich bin der einzige männliche Teilnehmer.
  • Der Fokus des Kurztrips liegt auf der Fashion Week in Tunis – nicht gerade mein übliches Ressort.
  • Und dann steht auch noch ein kurzer Ausflug zur ‚Ghriba‘ auf der Insel Djerba an, einer traditionsreichen jüdischen Wallfahrt in einem vorwiegend muslimischen Land – noch dazu mit ganz ungewöhnlichen Ritualen.

Die Journalistengruppe fliegt frühmorgens die kurze Strecke von Tunis nach Djerba, wo es gleich noch eine Spur heißer ist als in der Hauptstadt. Ein netter Fahrer bringt uns in einem Neunsitzer zum Ort des Geschehens; unsere Haare flattern im Wind der offenen Fenster, während wir noch mal wegdösen.

Nach dem Besuch einer Schule in Hara Kbira sowie ein paar Geschäften in diesem vornehmlich jüdischen Viertel der Hauptstadt Djerbas, in dem Juden und Muslime seit Jahr und Tag friedlich zusammenleben, stehen wir dann endlich vor der hübschen Synagoge La Ghriba, der ältesten im ganzen Maghreb. Das weiße, in der Sonne blitzende Gebäude wird umflattert von vielen roten Wimpeln mit dem Nationalsymbol Tunesiens, und momentan bewacht wie eine Festung. Wir müssen uns zunächst bei einem Polizeiposten anmelden und dann zu Fuß durch eine Sicherheitsschleuse, von der aus der Blick in Richtung schwerbewaffneter Soldaten und Panzerfahrzeuge geht. Die Terrorgefahr ist generell hoch, ein jüdisches Fest macht die Lage gleich noch prekärer.

Die Synagoge La Ghriba

Die Synagoge La Ghriba

Doch kaum sind wir drinnen, verflüchtigen sich all unsere Sorgen. Denn Juden wie Moslems im Areal um die eigentliche Synagoge strahlen vor allem zwei Dinge aus: Gastfreundschaft und Gelassenheit. Man plaudert, man isst zusammen, man begutachtet die Souvenirstände. Es herrscht schon jetzt eine feierliche Atmosphäre. Die Band spielt sich schon mal warm, der erste Klang des ungewöhnlichen Saiteninstruments ruft mir schmeichelnd ins Gedächtnis, dass wir uns hier tief im Orient befinden.

Wir sind extra früh gekommen, damit wir selbst an den verschiedenen Ritualen teilnehmen können. Dabei kommt uns zugute, dass es noch verhältnismäßig ruhig ist. Einige hundert Pilger sind eigens aus dem Ausland angereist. Doch alles in allem zählt man dieses Jahr viel weniger Besucher als sonst.

Wir essen Brik, eine frittierte Teigtasche mit Ei, Kräutern und der allgegenwärtigen, scharfen Harissa-Paste. Simpel und sehr lecker.

Nachdem ich mir eine Kippa gekauft und mir diese auf den etwas zu großen Kopf gesetzt habe, kann es losgehen. Wir betreten den Innenraum der Synagoge und ergeben uns dem Farbenrausch.

Synagoge La Ghriba

Noch deutlicher als zuvor zeigt sich nun, warum uns die Ghriba als eine ‚Wallfahrt der Sinne‘ angepriesen wurde. Neben den Fliesen in zahlreichen Farbtönen sowie den ebenfalls bunten Rundbögen stechen visuell besonders die hübschen Kostüme der Inselbewohner hervor. Das Murmeln der Gläubigen vermischt sich mit dem Gesang der alten Männer. Es ist heiß und stickig, der Duft von Weihrauch und Kerzen hängt schwer in der Luft.

Synagoge La Ghriba

Dann heißt es Schuhe aus und rein ins Getümmel. Denn das Tollste an dieser Tradition ist, dass man als Besucher tatsächlich mitmachen kann!

Wir bekommen von einer Dame jeweils eine Kerze und ein rohes Ei in die Hand gedrückt. Die Kerze entzünde ich und platziere sie neben den anderen auf einer Art Anrichte. Auf das Ei schreibe ich, ganz wie mir auf französisch geheißen, einen Wunsch. Daraufhin stehe ich kurz Schlange, um die kleine Höhle in der Wand zu betreten. Einer nach dem anderen steigt durch das enge Tor in der Wand herunter in die Grotte hinter dem Tabernakel, und legt sein Ei mit dem Herzenswunsch vorsichtig auf dem Boden ab, um dann schnell noch ein paar Gebete zu murmeln. Dieses Ritual ist besonders bei unfruchtbaren Frauen oder solchen, die demnächst heiraten wollen, populär. Tatsächlich werden die rohen Eier durch die Hitze der Kerzen in der Grotte gekocht und tags drauf von den Gläubigen gegessen. Interessanterweise existiert das Ritual in dieser Art nur hier in der Ghriba-Synagoge, die der Legende nach 586 vor Christus auf einem Stein des zerstörten Tempels von Jerusalem erbaut wurde.

Als ich mühsam wieder aus der Höhle herausklettere, läuft mir der Schweiß in Strömen. Doch nun folgt der zweite Akt. Und der ist noch exotischer!

Im Hauptraum der Synagoge sitzen ein paar ältere Männer, bei denen man sich seinen Segen abholen kann, ganz gleich, ob man Jude ist oder nicht. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Eine Tüte Mandeln muss auf ein Silbertablett geschüttet werden, einen Becher Boukha bekommen wir noch schnell besorgt. Der jüdische Feigenschnaps spielt hier und heute eine große Rolle, wie man am Zustand der alten Männer bereits gut ablesen kann. Nach einer kleinen Spende in die Dose fragt mich der Oberprediger nach meinem Namen und murmelt dann monotone Worte, während die Anderen um ihn herum eine Art Gesang anstimmen. Unterdessen bietet mir eine freundliche Dame einen Schluck geweihtes Wasser an.

Synagoge La Ghriba

Das alles resultiert in einem wirklich ungewöhnlichen und geradezu spirituellen Moment, auch wenn kurz darauf dann alles nicht ganz so abläuft wie geplant. Denn normalerweise bekommt man an einem bestimmten Punkt die Gelegenheit, sich selbst den potenten Schnaps hinter die Binde zu gießen. Und Ihr wisst ja: #lifeisadrink. Unserer jedoch wird von einem der Männer versehentlich in die Mandeln gekippt, woraufhin alle Umstehenden, die ebenfalls schon ordentlich getankt haben, die nun gewissermaßen eingelegten Mandeln in sich hineinschaufeln. Vielleicht besser so für unseren Kreislauf – bei dieser Hitze!

Strassenszene Houmt Souk

Strassenszene Houmt Souk

Nachdem wir uns noch ein paar Stunden in den Geschäften von Houmt Souk herumgetrieben sowie das tolle Graffiti-Projekt ‚Djerbahood‘ mit fast hundert Kunstwerken internationaler Street Artists bestaunt haben, kehren wir am frühen Abend noch einmal in die Synagoge zurück.

Nun ist hier deutlich mehr los, im Innenhof hat sich eine große Gruppe Menschen versammelt. Die Musiker spielen nun in voller Lautstärke Lieder voller Wehmut, einer der alten Männer tanzt dazu leidenschaftlich und mit einem faszinierend optimistischen Gesichtsausdruck. In seinem weißen Umhang und mit seinen großen Gesten erinnert er fast an einen römischen Imperator – oder vielmehr eine sehr freundliche Variante davon! Besonders jedoch bin ich beeindruckt von seiner Ausdauer, hatte er sich doch schon vor Stunden großzügig am Boukha bedient.

Es herrscht eine ausgelassene Stimmung unter den Pilgern und den Einheimischen, Groß und Klein hat sich eigens für diesen Anlass herausgeputzt. Die Scharfschützen auf dem Dach und der permanent über der Szenerie kreisende Hubschrauber steuern einen Hauch Adrenalin bei.

Synagoge La Ghriba

Zu guter Letzt erfolgt die aus Sicherheitsgründen abgekürzte Prozession, bei der die Männer eine geschmückte Menara, eine sechseckige Pyramide aus Silber, ein paar hundert Meter von der Synagoge weg- und dann wieder zu ihr zurücktragen. Nach der wundervoll sinnlichen Musik bekommen wir als Besucher nun auch noch einen weiteren visuellen Höhepunkt geliefert: Die geschmückte Menara, bunte Kostüme im Sonnenuntergang, letzte Sonnenstrahlen auf den verzierten Fliesen. Wieder bin ich hin und hergerissen, ob ich die schwarzmaskierten Sondereinsatzkommandos mit ihren Sturmgewehren nun bedrohlich finden soll, oder ob sie eigentlich doch ganz gut ins Gesamtbild dieses ungewöhnlichen Spektakels passen.

Als die Prozession schließlich in die Synagoge zurückkehrt, bin ich froh, dass nichts in die Luft geflogen ist, beeindruckt von diesem außergewöhnlichen Fleckchen Erde, an dem unterschiedliche Religionen so friedlich miteinander leben und feiern, und begeistert davon, dass man uns als Wildfremde einfach hat teilnehmen lassen.

Die Hoffnung bleibt, dass die Zeiten wieder friedlicher werden, in Zukunft wieder mehr Pilger die Ghriba ansteuern und das Ganze irgendwann auch wieder ohne Militärschutz ablaufen kann. Doch selbst unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen, wie ich die Ghriba-Wallfahrt erlebt habe, kann ich diese außergewöhnliche Erfahrung nur jedem ans Herz legen!

Straßenszene in Houmt Souk

Straßenszene in Houmt Souk

Ich wurde zu dieser Reise vom tunesischen Fremdenverkehrsamt eingeladen. Das hat jedoch, wie immer, keinen Einfluss auf meine Berichterstattung.

Veröffentlicht von

Marco Buch ist Filmschaffender, Buchautor, Blogger, Weltreisender. Er ist ein neugieriger Mensch und viel unterwegs. Marco hat in über 130 unterschiedlichen Jobs gearbeitet und 70 Länder dieser Welt bereist. Er liebt es, Erfahrungen zu sammeln und später Anderen davon zu erzählen. Mit 'Life is a Trip' möchte er die Tradition der Lagerfeuergeschichten ins digitale Zeitalter hinüberretten. Marco nimmt sich selbst nicht so wahnsinnig ernst und denkt, die Welt könnte eine bessere sein, wenn andere diesem Beispiel folgen würden.

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